• Nathanaël Wenger

Die Messelandschaft verändert sich radikal



Die MIDO bewirbt ihre 50. Ausgabe Anfang Februar 2021 mit einem Eisbären auf einer überdimensionierten weissen Brille im arktischen Meer und einem verzweifelten Aufruf «save the wonder». Zuerst wusste ich nicht, ob dies ein schlechter Scherz war oder die MIDO-Webseite böswillig gehackt wurde. Den Klimawandel und eine aussterbende Spezies mit einer internationalen Brillenmesse zu verbinden schien mir ziemlich gewagt und auch etwas geschmacklos zu sein. Wenn wir die Klimaerwärmung stoppen wollen, sollte man ganz auf solche Grossanlässe verzichten. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass dies die Intention der Messeorganisation gewesen ist...

Eigentlich bin ich ein absoluter Messejunkie. Ich liebe es, in die weite Welt der Brillen einzutauchen, Menschen zu begegnen und neue Trends zu entdecken. Mein Gefühl für Zeit verschwindet, der Körper stösst Adrenalin aus und an eine geregelte Nahrungsaufnahme ist nicht zu denken. Das Defizit an Kalorien wird durch einen deutlich gesteigerten Bierkonsum mehr als ausgeglichen. Das Gefühl ist vergleichbar mit einem Fischer, der auf einen grossen Schwarm gestossen ist und nun alle Konzentration benötigt, um eine möglichst grosse Ausbeute zu machen.


«Good old times»

Unvergessen sind meine ersten grossen Messen in Mailand und Paris vor ziemlich genau zwanzig Jahren. Die MIDO war damals das Mass aller Dinge was Anzahl Besucher, Aussteller und Atmosphäre betraf. Mit grossen Augen ging ich durch die verschachtelten Gänge und war fasziniert von der Vielfalt an Brillenbrands und unterschiedlichen Designs. Als Newcomer in der Branche ging es mir vorerst darum, Kontakte zu knüpfen und neue Kollektionen für die Schweiz aufzustöbern. Im Verlauf der Jahre dürften so knapp 20 Brands zusammengekommen sein, die ich an Messen entdeckt und im Schweizer Markt eingeführt habe. Natürlich hat längst nicht jede Brillenkollektion Anklang gefunden. Oft musste ich die Übung abbrechen, weil eine Kollektion für die Schweiz zu verrückt oder der Markt noch nicht bereit dafür war. Zum Glück haben einige dieser Entdeckungen wie ØRGREEN oder YOU MAWO eingeschlagen und bilden noch heute die Grundlage unseres Portfolios.

Die MIDO fand jeweils im Mai statt. So konnte man neben dem guten Essen auch die warmen Frühlingsabende in der City geniessen und die stilvoll gekleideten Mailänder/innen bewundern. Durch die Vorverlegung auf Anfang Jahr sowie die Verschiebung des Standortes in die Peripherie hat die MIDO deutlich an Attraktivität verloren, und nur noch wenige Schweizer Augenoptiker nehmen den Weg nach Mailand auf sich. Dieselbe Entwicklung konnte man etwas zeitverzögert auch bei der SILMO beobachten. Der Wechsel von Porte de Versailles am südlichen Stadtrand von Paris in ein weitentferntes, anonymes Industriegebiet hat der SILMO nicht gutgetan.

Der Aufstieg der OPTI

Im Schatten der beiden internationalen Leitmessen hat sich die OPTI in München stetig weiterentwickelt und an Profil gewonnen. Anfänglich war die OPTI noch gut überschaubar und familiär. Sie hatte eine Ausstrahlung in den DACH-Raum, die deutschsprachigen Länder waren noch unter sich. Der Standort sowie der Zeitpunkt Anfang Jahr waren gut gewählt. Die Organisatoren haben einen engen Austausch mit den unabhängigen Brillendesignern gepflegt und konnten sich so dynamisch auf deren Bedürfnisse einstellen.

Ein grosser Wurf waren die OPTI-Boxen, eine kostengünstige Ausstellungsplattform für Newcomer, in denen wir vor vier Jahren YOU MAWO entdeckt haben. In den vergangenen drei bis vier Jahren ist die OPTI kontinuierlich gewachsen und hat eine internationale Ausstrahlung erreicht. Im letzten Jahr wurden zwei neue Hallen in Betrieb genommen und die Ausstellungsfläche um fast 20% vergrössert. Durch dieses Wachstum wurden die Wege länger und die einst familiäre Atmosphäre ging leider verloren.

Mit dem Umzug nach Stuttgart - im Zweijahresrhythmus - sowie dem sehr frühen Zeitpunkt der OPTI 2021 haben es sich die Organisatoren nicht leicht gemacht, auch wenn äusserliche Umstände dafür geltend gemacht wurden. Mit der gesamten COVID-Problematik scheint eine Durchführung der OPTI 2021 höchst fraglich zu sein. Viele Aussteller haben sich zurückgezogen, praktisch alle Glashersteller pausieren. Falls die OPTI 2021 wie angekündigt durchgeführt werden sollte, dann wird sie deutlich kleiner ausfallen als bisher. Es ist davon auszugehen, dass viele internationale Aussteller und Besucher fernbleiben werden. Auch aus der DACH-Region wird die Resonanz deutlich kleiner ausfallen. So wie es momentan aussieht, wird die OPTI 2021 leider nur noch eine regionale Ausstrahlung erzielen. Als OPTI-Liebhaber fällt mir diese Analyse nicht leicht. Auch unseren Kunden ist die OPTI ans Herz gewachsen. Wir alle wünschen uns, dass die Krise möglichst schnell vorbei geht und der «normale» Messebetrieb wieder möglich wird. Dies ist vermutlich Wunschdenken.

Die neue Realität

Das Coronavirus hat bereits massive Veränderungen verursacht und vieles aus den Angeln gehoben. Der wirtschaftliche Schaden ist immens und es gilt, sich mit der neuen Situation abzufinden. Gewisse Trends wurden durch die Pandemie verstärkt und beschleunigt. Die Zeit der grossen internationalen Messen scheint dem Ende zuzugehen. So gesehen kann man das Kampagnenbild der MIDO eigentlich nur prophetisch deuten.


Ein Blick über den Tellerrand zeigt, dass sich auch andere Messebetreiber neu erfinden müssen. Die BASELWORLD wagt sich auf diese neue Reise und hat ein Plattformkonzept entwickelt. Die Akteure der Uhren-, Schmuck- und Edelsteinindustrie treffen sich sowohl digital als auch physisch und scheinen ihr Format sogar für andere Branchen zu öffnen.

Kleine und regionale Messen werden zunehmen und versuchen, die entstehende Lücke zu schliessen.

Die SILMO geht mit «hors les murs» bereits in diese Richtung und ist mit der COPENHAGEN SPECS eine Partnerschaft eingegangen. Gemeinsam versuchen sie den Anlass auch in Berlin und Barcelona zu etablieren.

Die MIDO hat die DATE übernommen und konnte den Anlass in Florenz im September durchführen. Die LUNETTES PARTY findet schon seit einigen Jahren in verschiedenen Städten in Frankreich statt. Auch die BOLD in Belgien ist eine dieser kleinen, aber feinen Brillenausstellungen.

In den letzten Monaten hat unsere Branche äusserst dynamisch auf die globalen Veränderungen reagiert. Fünf der führenden Brillenbrands haben Anfang September gemeinsam in fünf verschiedenen Städten ihre Herbstneuheiten präsentiert. EYELOFT ist ein spannendes und unkompliziertes Format aus Paris und Berlin. Ebenfalls im September wurde in Göteborg das erste Mal ein Anlass mit verschiedenen, dezentral über die Stadt verteilten Lokalitäten durchgeführt.

Auch bei der HALL OF FRAMES machen wir uns Gedanken wohin die Reise geht. Nach der Absage der SILMO in Paris haben die Anfragen von Ausstellern aus dem Ausland deutlich zugenommen. Das Interesse an einer zusätzlichen regionalen Brillenmesse im Frühjahr ist sowohl von Seiten der Aussteller als auch der Besucher gross. Wir sind zurzeit dabei, die Optionen für eine zusätzliche Hall of Frames im März 2021 in Luzern zu evaluieren. Bei genügend Nachfrage würden wir auch wieder eine Brillenmesse in Deutschland organisieren.

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