• Nathanaël Wenger

COVID-19 quo vadis? Teil 1

Aktualisiert: Apr 20

von Nathanaël Wenger



Eigentlich wollte ich mir eine Auszeit bis zum Sommer nehmen. Dass sie nun staatlich verordnet wurde, war so nicht geplant. Jetzt sind wir schon drei Wochen im Lockdown und niemand weiss, wohin die Reise geht. Bei allem Desaster, das durch das Coronavirus bereits verursacht wurde, kann ich auch viele positive Aspekte in der Krise entdecken. Ich habe versucht, die Situation für unsere Branche zu analysieren und mir ein paar Gedanken über die Zukunft gemacht.



Nothilfe-Programm


Die vom Bund zur Verfügung gestellten Nothilfe-Massnahmen wie Kurzarbeit und den COVID 19 Kredit habe ich in Anspruch genommen. Die Liquidität ist fürs erste gesichert. Es wird sich zeigen, ob die Auszahlungen an die vielen neuen Arbeitslosen ebenso schnell und unbürokratisch abgewickelt werden können.


In unserem Augenoptikgeschäft haben wir einen Notfalldienst eingerichtet. Die Flexibilität und Anpassungsfähigkeit meiner Angestellten und Kunden ist gross. Die anfängliche Hektik ist gewichen, jetzt ist Geduld gefragt.


Das Coronavirus lässt sich Zeit und scheint die wärmere Jahreszeit nicht zu mögen. Die düsteren Prognosen der Virologen scheinen nicht einzutreffen. Ärzte klagen über leere Praxen, auch die Spitäler werden noch nicht überrannt. Gestern hat der Bundesrat mitgeteilt, dass der Lockdown Ende April gelockert wird. Der wirtschaftliche Druck ist schlicht zu hoch, auch ist es eine Frage der Verhältnismässigkeit. Es besteht die reale Hoffnung, dass die Schweiz mit einem blauen Auge davonkommen wird.


Der neue Alltag


Die Coronakrise hat bereits einen massiven Digitalisierungsschub ausgelöst. Endlich werden die schier unermesslichen Möglichkeiten eines Softwareprogrammes ergründet und eingesetzt. Die Produktivität nimmt dadurch zu, auch wenn wir alle innerlich spüren, dass die Zeiten des uneingeschränkten Wachstums endgültig vorbei sind.


Durch den Shutdown gezwungen fängt man an, mit neuen Technologien zu experimentieren. Videokonferenzen mit Zoom, Skype und Teams funktionieren bestens. Die Tonqualität bei Jitsi ist ungenügend. Die Möglichkeit, den Bildschirm zu teilen, macht Sitzungen noch effizienter. Wieso haben wir diese Möglichkeiten nicht schon vorher genutzt? Höflichkeit, Respekt und Wertschätzung werden durch diese neuartige digitale Kommunikation eher gefördert, Leerläufe (und lange Autofahrten) sind auf ein Minimum reduziert. Man lässt sich gegenseitig aussprechen, beschränkt sich aufs Wesentliche. Unnötige Kommentare oder Bemerkungen werden ersatzlos gestrichen. Ich entwickle eine neue Zeichensprache, signalisiere meinem virtuellen Gegenüber Zustimmung oder zeige eine Wortmeldung an.


Viele Menschen werden sich an das Home-Office gewöhnen. Firmen werden diese familienfreundliche Arbeitsweise in Zukunft vermehrt anbieten.


Online mit Vorbehalt


Onlineshopping boomt, Food und Medikamente sind besonders gefragt. Interessanterweise gehört Zalando nicht zu den Gewinnern des Lockdowns. Laut GfM sind im März die Umsätze im E-Commerce um 18% eingebrochen. Auch das Bargeld gehört zu dem Verlieren in der Coronakrise.

In Krisenzeiten wird der Konsum aufs Nötigste reduziert und Investitionen aufgeschoben.


Ich bin überzeugt, dass es zu einem Rückstau bei optischen Hilfsmitteln kommen wird. Der Onlineanteil bei Kontaktlinsen war schon vor der Krise sehr hoch und wird im März und April neue Rekordwerte erreichen.


Onlineanbieter für Brillenfassungen werden während des Lockdowns deutlich weniger davon profitieren können. Der Kauf einer neuen Brille kann gut nach hinten verschoben werden, auch wenn Mr. Spex jetzt neu einen online Sehtest anbietet.


Gute Aussichten


Es ist davon auszugehen, dass die meisten Augenoptikergeschäfte diese erzwungene Auszeit gut überstehen werden. Ich rechne mit Rekordumsätzen während des Sommers, auch weil die Bevölkerung in der grossen Mehrheit zuhause bleiben und in der Schweiz konsumieren wird. Auch die gebeutelte inländische Tourismusindustrie wird davon profitieren können. Laut Matthias Horx vom Zukunftsinstitut, werden Netzwerke lokalisiert, das Handwerk erlebt eine Renaissance. Das Globalsystem driftet in Richtung Glokalisierung: der Lokalisierung des Globalen. In einfachen Worten: Regional einkaufen ist wieder in!


In jedem Markt wird es zu Bereinigungen kommen. Dies tönt fürs erste logisch und gesund. Schwierig wird es, wenn Grosse anfangen, die Kleinen zu schlucken und dadurch die Vielfalt reduziert wird. Auch wenn der Bund wirkungsvolle Massnahmen ergriffen hat, wird die Luft für viele Betriebe dünn werden und einige werden wohl die Segel streichen müssen.


Zu den eindeutigen Gewinnern gehört das Klima. Allein in China wurde der CO2-Ausstoss während der COVID-19 Krise um 25% reduziert, gleiches gilt für den Flugverkehr. Die Treibhausgase in den europäischen Grossstädten haben sich halbiert. Plötzlich scheinen die 2016 in Paris definierten Ziele zum Klimaschutz wieder in Reichweite zu sein.

Die gelebte Solidarität, auch in der Schweiz, hat deutlich zugenommen. Man sieht sich selbst und seine Umwelt mit anderen Augen. Es ist zu hoffen, dass die neu entdeckte Achtsamkeit auch nach COVID-19 in unserer Gesellschaft erhalten bleibt.

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